«Die eindimensionale Fixierung auf die Elektromobilität ist schlecht. Dabei werden andere Chancen verpasst»
08. Februar 2012 – Lino Guzzella ist seit 1999 ordentlicher Professor für Thermotronik an der ETH Zürich. Einer raschen Einführung der Elektromobilität steht er skeptisch gegenüber. Wieso er das so sieht und welche Lösungen er vorschlägt, darüber spricht er im Interview mit energiedialog.ch
Herr Prof. Guzzella: Einer der Wege zu weniger CO2-Ausstoss führt über den Ersatz fossiler Brennstoffe im Verkehr. Beim Auto ist das die Abkehr von Benzin/Diesel hin zum Elektromobil. Dessen Durchbruch lässt aber auf sich warten (gegenwärtig rund 0.025% am Schweizer PKW-Bestand).
Elektromobilität ist an sich etwas Faszinierendes: Die Autos sind lokal praktisch emissionsfrei. Das tönt doch fantastisch. Aus diesem Grund versuchen sich die Menschen seit über hundert Jahren in der Elektromobilität. Ein Problem besteht jedoch: Man kommt mit einigen Naturgesetzen in Konflikt.
Was sind denn die grossen Probleme der Elektromobilität?
Es gibt vier grosse Schwierigkeiten. Erstens: die Energiedichte der Batterien. Diese ist naturgegeben nicht so gross wie von flüssigen Kohlewasserstoffen. In New York gab es um die Jahrhundertwende mehrere 1’000 Elektrofahrzeuge. Doch obwohl es damals noch keine Auto- oder Öllobby gab, sind diese Autos wieder verschwunden. Wieso? Die Antwort ist einfach: Sie brauchen eine Tonne mo-dernster Batterien um gleich weit zu fahren wie mit 50 Litern Diesel. Natürlich stimmt es, dass viele Fahrten relativ kurz sind. Aber die meisten Menschen kaufen ein Auto nicht aufgrund eines Durch-schnittswerts, sondern hinsichtlich des Extremfalls. Das ist wie bei einer Brücke: Obwohl 90 Prozent aller Fahrzeuge die darüber fahren leichter als 3.5 Tonnen sind, muss die Brücke so gebaut werden, dass sie auch Lastwagen mit 40 Tonnen tragen kann.
Und worin bestehen die weiteren Probleme?
Das zweite ist der hohe Preis. Eine Batterie kostet so viel wie die Herstellung des ganzen Autos. Und sie hält nicht so lange wie das Auto selbst. Sie müssen damit rechnen, nach fünf, sechs Jahren noch-mals bis zu 20’000 Franken in eine neue Batterie investieren zu müssen. Das dritte Problem betrifft das Aufladen der Batterien. Bis Sie heute eine Batterie vollständig geladen haben, dauert es fünf bis acht Stunden. Bei Schnellladestationen spricht man immer noch von bis zu einer Stunde Ladezeit und das wohlverstanden nach jedem hundertsten Kilometer. Abgesehen davon, dass es diese Schnellla-destationen noch gar nicht gibt und das Aufstellen ziemlich teuer sein wird: Niemand will beim Aufla-den so lange warten.
Und das vierte Problem?
Das vierte Problem ist die Stromerzeugung. Elektrische Energie findet man nicht in der Natur, sie muss erzeugt werden. Wenn Sie diese aus fossilen Energieträgern erzeugen und eine ehrliche Ener-giebilanz erstellen, dann produzieren Sie etwa gleich viel CO2 wie ein Verbrennungsmotor. Im schlechtesten Fall, mit Strom aus alten Braunkohlekraftwerken – welche wir nach der Abschaltung der AKWs weiter werden betreiben müssen – produzieren Sie bis zu doppelt so viel CO2. Dieses Dilemma muss zuerst behoben werden, d.h. wir müssen zuerst die gesamte Stromerzeugung auf CO2-neutrale Systeme umstellen, erst dann ergibt die Einführung neuer Verbraucher, wie z.B. der Elektromobilität, in grossem Massstab Sinn.
Elektromobilität ist also schlecht für den Umweltschutz?
Es ist richtig, dass wir den Energieverbrauch und den CO2-Ausstoss verringern müssen. In den nächsten 20 Jahren erreicht man dieses Ziel am sinnvollsten mit sparsamen Verbrennungsmotoren. Heute sind wir bei etwas unter sieben Liter pro 100 km bei Neuwagen. Wir bringen das auf unter drei Liter pro 100 km. Das A und O dabei sind leichtere Fahrzeuge. Auch deswegen ergibt es keinen Sinn, eine tonnenschwere Batterie in ein Auto einzubauen.
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